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Donnerstag, 25. August 2016

Zehn Minuten Berlin

Der Wind weht lau an diesem Freitagmorgen. Die Sonne verheißt einen flirrendwarmen, sommerlichen Tag. Ich nehme den Weg durch den angrenzenden Park, denn ich möchte an diesem unschuldigen Morgen die mehrspurige Hauptstraße und das besetzte Haus auf der linken Seite umgehen. 




Auf dem Platz vor dem Park begegne ich einem Obdachlosen. In seiner Wange, seinem Kinn und seinen Nasenflügeln hat er münzgroße Löcher. Er liegt nicht auf sondern hinter seiner Stammparkbank auf dem steinigen Boden. Er beobachtet die vorbeiziehenden Wolkenfelder, doch sein Gesicht sieht man kaum, denn seine schwarzen Dreadlocks hängen ihm tief ins Gesicht. Trotz der milden Temperaturen hat er seine dunkle Wollmütze bis zu den Augen heruntergezogen. Auf andere wirkt er bestimmt ein wenig beängstigend, doch ich sehe ihn tagtäglich und habe mich an ihn gewöhnt.
by wikimedia
Ich lasse meinen Blick über den Teich des Parks schweifen. Der mir gut bekannte Graureiher ist zum Frühstück erschienen und begutachtet die Auslage des Buffets unter der Wasseroberfläche. Anmutig spannt er seine Flügel auf und beginnt seine Jagd. Die überquellenden Mülleimer neben der steinernen Uferbegrenzung täuschen den Umstand vor, im Park läge kein weiterer Müll. Doch die sich zu Ende neigende Woche war warm und zog dementsprechend viele Sonnenanbeter mit ihren to-go-Verpackungen auf die Wiese.
Ich passiere verschmutzte und mit Graffitis versehene Bänke, an der einen fehlt eine Strebe an der anderen ist das Holz gesplittert. Ich nähere mich dem sandigen Parkausgang und spaziere an den im französischen Café sitzenden und sich entblätternde Croissants essenden Touristen und Hipstern vorbei. Meine Tramhaltestelle ist nur noch wenige Meter entfernt. Laut des kornblumenblauen Himmels und der hochstehenden Sonne sollte ich besser noch einen Abstecher in den Kiosk machen um meinen Durst zu späterer Stunde stillen zu können. Ich folge der Empfehlung der Sommerboten und greife mir eine Literflasche Mineralwasser aus dem summenden Kühlgerät. Ich bezahle und vernehme Tumulte außerhalb des Kiosks. Vor dem Geschäft stehen einige dunkle Tische und Stühle aus Holz. Am Abend tummeln sich hier die Partygänger aus aller Herren Länder um noch ein Bier vor dem Clubbesuch zu trinken oder neue Begleiter für die Nacht zu finden. An einem Morgen wie diesem sitzen hier meist Männer und Frauen, ein paar Jahre älter als im besten Alter, und trinken ihr erstes oder letztes Sternburg für den Tag.
Ich trete aus dem Kiosk und erkenne den Grund für die Tumulte: ein Sternburg-Trinker im verwaschenen T-Shirt, welches in einer befleckten Jeans steckt, brüllt einen anderen an, der an einem der Tische sitzt und leer gen Boden sieht. „Das ist doch widerlich! Wieso machst du das? Spinnst du? Murat! Komm her! Der Assi hat hier einfach auf den Boden geschifft!“
Unter dem Tisch des Mannes ist ergießt sich ein See, seine Hand verschließt gerade den Reißverschluss seiner beigen Cargo.
Mit geschwellter Brust, verpackt in einem Ferrari-roten Shirt, stapft besagter Murat aus Richtung des angrenzenden Döners-Imbisses auf die Szenerie zu. Seine Arme berühren den Oberkörper nicht, als hätte er O-Arme statt O-Beine. Mit einem Schlag fegt er die vor dem Missetäter stehende Flasche Sternburg vom Tisch. Drei Meter im Flug nimmt sie bestimmt, bevor sie mit klirrender Melodie auf dem Asphalt zerbricht und ihre Scherben zwischen dem verschütteten Bier ein glitzerndes Mosaik bilden. Ich stehe dort wie erstarrt und mein Blick wandert zu Murat, der nun wenige Centimeter von dem sitzenden Mann entfernt steht und ihn mit Schimpfwörtern bedeckt. Ich kann nur noch die hilflos schauenden Augen des Mannes sehen, welcher scheinbar unter der Decke aus Hasstiraden völlig in sich zusammensackt. Mitleid kriecht in mir hoch. Wut kocht in mir auf. Meine eigene Hilflosigkeit in dieser Situation wird mir bewusst. Ich in Konfrontation zwischen einem betrunkenen, sich kaum noch selbst helfen könnendem Mann und einem Testosteron-Gorilla reitenden Murat, der das Schreien gar nicht mehr lässt?
Ich flüchte in die heranfahrende Tram und höre eine weitere Glasflasche auf dem Gehweg zerschellen.



Dienstag, 25. Februar 2014

Berlin ist... bettelnde Obdachlose mit IPhone.

Berlin ist...
wenn deine Obdachlosen vor der Sparkasse sitzen und betteln, während sie mit einem moderneren Smartphone als dem deinen Facebook checken.

Ja, mein Handy hat bald das zweite Lebensjahr vollendet und es begibt sich mit riesigen Schritten in Richtung Sterbebett. Gut, es war von Anfang an kein Super-Mega-High-Tech-Luxus-Modell. Aber es hat Tasten und die Strahlungswerte scheinen in Ordnung (sofern so etwas überhaupt als ok eingestuft werden kann). 



Jetzt hat aber jeder meiner Obdachlosen ein neueres Modell als ich und bei meinem muss ich den Stecker festhalten, damit es lädt... Ich scheine nicht darum herumzukommen, mir ein neues anzuschaffen.
Doch auf der Suche nach einem Handy, das nicht zu 50% aus Selbstzerstörungsfläche besteht, ist der Weg lang. Wurden denn die Designbüros der großen Handyhersteller alle wegrationalisiert? Ich habe das Gefühl, dass sie einfach dachten: Klasse, Apple kommt mit seinem vier-runde-Kanten-ein-Knopf-Look irrsinnig gut an; machen wir auch. Ich erinnere mich an Zeiten mit rosa Handys, die aussahen wie eine Puderdose. Sidekicks mit sich um 180° drehenden Displays. Schlag-, Stoß-, Fall-, Wasser- und Dreck-resistente Telefone, die nicht 600€ kosteten.

Aber da ich ohne Google Maps ein hilfloses 3-jähriges Mädchen bin, das man alleine in der fremden Großstadt vergessen hat, kann ich nicht auf ein 90er-Modell zurückgreifen.


P.S.: Wo laden Obdachlose diese ein-Tages-Akkus wieder auf?

Montag, 17. Februar 2014

Berlin ist... ein Verkehrschaos.

Da Kategorien wichtig für unser Gehirn sind, um die ganzen Sinneseindrücke, die jeden Tag auf uns einstürmen, zu verarbeiten, versuche ich mich jetzt auch an so einer Kategorie.

Berlin ist...
wenn die Ampeln an einer viel befahrenden Kreuzung, die noch von mehreren Straßenbahnen benutzt wird, einfach ausgeschaltet werden, sich ein Krankenwagen mit Martinshorn ankündigt und die verkehrsregelnden Polizisten um Punkt sieben ihre Kelle aus der Hand legen und den Feierabend antreten.
Das heißt: was schon zuvor mit den sich zubrüllenden Beamten in Neonfarbe nicht funktionierte, bricht nun vollends in sich zusammen und einfach alle fahren los, um sich dann in der Mitte der Kreuzung zu begegnen.

von Fridolin freudenfett (Peter Kuley) (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) oder GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons

Ich wünsche allen einen stressfreien Feierabend!

Franziska